VOM SINN DER KRISE

Bisher ist es der Menschheit trotz aller Intelligenz, Technik und Raffinesse nicht gelungen, die Krisen aus der Welt zu verbannen. Immer und immer wieder kam und kommt es zu großen und kleinen Krisen und sie nehmen in einer global vernetzten Welt in ihrem Wirkungspotential immer mehr zu statt ab. Viele Krisen sind menschengemacht oder von Menschen verursacht. Manche Krise mutet uns das Schicksal ohne unser Zutun zu, man denke nur an die früheren Vulkanausbrüche und an die Hungersnöte. Zur Zeit wird uns durch die Pandemie-Krise die Vulnerabilität der gesamten Menschheit wieder einmal neu und auf drastische Weise vor Augen geführt. Ein Virus lässt ganze Systeme zusammenbrechen, wie bei einem gigantischen Domino werden Kettenreaktionen ausgelöst, die in einem solchen Ausmaß bisher niemand für denkbar gehalten hatte. Quasi über Nacht verändern sich die Spielregeln des Lebens grundlegend. Was soll das? Was ist der Sinn solcher Krisen? Eine ketzerische, disruptive Frage könnte lauten: Was eigentlich, wenn das alles gut für uns ist?

Krisen – so alt wie der Mensch selbst

Die Geschichte der Krisen ist unendlich, sie ist also mindestens mal so alt wie der Mensch selbst. Schon immer gab es sie; Naturkatastrophen, Kriege, Hungersnöte, Überschwemmungen, Vulkanausbrüche und Krankheiten wüteten schon in grauer Vorzeit und forderten die Menschheit auch schon früher maximal heraus. Aufgrund von Krisen kam es in der Menschheitsgeschichte beispielsweise immer wieder zu freiwilligen oder unfreiwilligen Veränderungen aller Art, ein Beispiel sind die stets in der Geschichte vorhandenen Massenauswanderungen aus politischen, wirtschaftlichen und religiösen Gründen. Krisen machen uns Angst, sie treiben uns um, sie lehren uns das Fürchten und Sorgen, sie rauben uns die Energie, Kraft, unser Wohlbefinden und damit bedrohen sie unsere Stabilität, unsere Komfortzone. Kein Wunder, dass wir Menschen Krisen nicht mögen und wann immer es uns möglich ist, versuchen wir, sie zu vermeiden, zu umgehen, sie -wenn es machbar wäre – gänzlich abzuschaffen. Wir denken und glauben im Allgemeinen, dass die Krise schlecht für uns sei, sie ist in unserer Bewertung böse. Und deshalb wollen wir auch nichts mit ihr zu tun haben, wir meiden sie, möchten ihr möglichst nicht begegnen und wenn es sich gar nicht ändern lässt, dann lieber aus dem Weg gehen! Die Krise zu begrüßen, in etwa mit „Juhu-eine Krise“ liegt uns dagegen instinktiv fern. Wer so etwas tut, den bezeichnen wir sehr schnell als von Sinnen, als nicht ganz bei Trost, als verrückt. Gerade wir Deutschen lieben es nun einmal, wenn wir die Dinge im Griff haben, wenn wir Kontrolle ausüben und damit sicherstellen können, dass wir weiterhin sicher sind. Und oft haben wir uns so an die sichere Sicherheit gewöhnt, dass wir glauben, wir hätten ein Recht auf Sicherheit und dieses stünde uns ja gefälligst zu. Die Krise ist ein Räuber für uns, eben deshalb, weil wir sie in unserem Denken als „Böse“ bewerten. Wir geben der Krise damit die Macht, uns die (Selbst-)Sicherheit und damit immer auch tendenziell die (Selbst-)Gerechtigkeit, also die innere Überzeugung, dass wir selbst ja alles recht/richtig machen, zu nehmen! Ist also eigentlich die Krise das Problem oder ist es nicht vielmehr unser Denken und Umgehen mit Derselben?

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Krisen offenbaren menschliches Verhalten

Gerade jetzt in der Corona-Krise wird sichtbar, was Angst mit Menschen anstellen kann und wie sehr Angst das rationale Denken ausschaltet. Die panische Angst vor der Infizierung verführt selbst sehr viele Menschen, die gar nicht zu den Zielgruppen gehören, dazu, zu fordern, sämtliche einst mühsam errungenen Freiheits- und Persönlichkeitsrechte mit einem einzigen Handstrich und ohne jedes Zögern über Bord zu werfen. Waren es nicht schon immer gute Gründe, die am Ende dann Diktaturen hervorbrachten? Krisen machen immer Angst, denn sie führen in die Enge. Bedrücktheit, das mulmige Gefühl von Beklemmung, man ist eingeklemmt in den Umständen und es wird gedanklich und physisch eng. Und jetzt zeigt sich, wer wie gut mit seinen Ängsten umgehen kann, wer es gelernt hat, seine Ängste zu besiegen, sie glaubend abzugeben und wer dabei noch am Üben ist. Angst ist immer hervorragend dazu geeignet, Menschen zu irrationalem Handeln zu verführen. Menschen, die stark von Ängsten geleitet werden, verlieren in der Regel die Fähigkeit des nüchternen, logisch, sachlichen Abwägens und verhalten sich instinktiv jenseits eines aufgeklärten vernünftigen Verhaltens. Sie stellen unter der Furcht die rationale Bewertung ein, fürchten um ihr Leben und die Todesangst führt zu irrationalen Verhaltensweisen, die ohne Angstbesetztheit nicht denkbar gewesen wären. Und genau aus dieser Tatsache schlagen dann diejenigen Kapital, die in ihrem unersättlichen Machtstreben meinen, dass nur unter ihrer totalitären Herrschaft die Dinge geordnet werden könnten.

Krisen – gut und notwendig für uns?

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Was wäre, wenn wir einmal den Blick auf die Krise verändern und den Gedanken zulassen, dass Krisen am Ende gut und notwendig für uns sind? Was wenn es ohne Krisen dauerhaft auch keine Sicherheit und kein richtig machen mehr gibt? Was, wenn Krisen für uns unabwendbar, heilsam, sinnvoll und am Ende sogar für unsere Entwicklung unbedingt notwendig sind? Würde ein solches Mindset nicht unseren Umgang mit Krisen vollständig auf den Kopf stellen? Krisis (griech.) = Scheidung, Streit, Entscheidung. In Krisen geht es ums (ent-)scheiden. Krisen stellen uns an Scheidewege. Wir scheiden ab von alten Mustern, von alten Wegen, alten Sicherheiten, alten Stabilitäten und Komfortzonen. Und: In der Krise beginnt etwas Neues für uns. „Oh, wie spannend“ sagen die Einen, die Mehrheit jedoch wird eher sagen „Hilfe, das macht mir Angst“. Viele Modelle der Erziehungswissenschaften weisen darauf hin, dass im Leben aller Menschen Krisen ganz natürlich verankert sind. So stellt die Geburt bereits die erste große Krise dar. Die Veränderung ist nie wieder so massiv, von Geborgenheit, Wärme, Sattheit und Liebe hin zu Fremdheit, Kälte, Hunger und Ablehnung. Mancher Philosoph weist darauf hin, dass die Geburt die schwerste Krise sei, die ein Mensch je erleben kann und tröstet dann mit der Perspektive, dass dem jede Krise bezwingbar ist, der seine Geburtskrise durchgestanden hat. Es folgen die Pubertätskrise, die Adoleszenzkrise, die Mid-Life-Krise… und die letzte Krise ist der Tod. Seit Menschen Gedenken durchleben Menschen aller Kulturen und aller Hautfarben, Geschlechter und Herkunft diese in den Erziehungswissenschaften gut erforschten Krisen. Ja, wir Menschen können Krise! Wir haben in uns die Fähigkeiten, Krisen zu bewältigen. Und das Bewältigen eben der Krise führt erst dazu, dass wir wachsen und einen weiteren Raum für uns einnehmen können, womit wir anderen wiederum Gutes tun können. Wer also versucht, seine Krisen zu vermeiden, statt sie zu umarmen und zu begrüßen, der schränkt dadurch seine eigene Weiterentwicklung ein und verhindert damit neue Erfahrungen. Die Krise nicht annehmen zu wollen, bedeutet also, an der alten Selbstsicherheit und Selbstgerechtigkeit festhalten zu wollen und hier liegt das Problem in der eigenen Haltung; im Mindset, nicht etwa in der Krise an sich.

Frage nicht WARUM sondern WOZU

In einem Vortrag hörte ich einmal die Geschichte von Eltern, die ein 11-jähriges Kind an eine Krebskrankheit verloren hatten. Die Eltern standen auf der Bühne und mussten sich abwechseln in ihrem Erlebnisbericht.

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Immer dann, wenn der berichtende Partner gerade von Gefühlen überwältigt wurde, übernahm der andere und setzte den Bericht fort. Nur so gelang es dem jungen Ehepaar, von ihrem schweren Schicksal zu berichten ohne dabei emotional zusammenzubrechen. Das Ehepaar endete damit, dass sie die Perspektive hätten, andere Familien mit krebserkrankten Kindern künftig in ihrem Leid zu unterstützen und zu begleiten. Danach ergriff ein bekannter Redner das Wort und sprach darüber, wie es Menschen gelingen kann, mit einem schweren Schicksal besser umzugehen. Der Redner betonte, wie wichtig es sei, sich selbst die WARUM-Frage (warum ist das passiert?) zu untersagen und sich stattdessen auf die WOZU-Frage (Wozu wird es mir dienen?) zu konzentrieren. Die Frage danach, warum das passiert sei, bliebe, so der Redner, vermutlich bis ans Lebensende unbeantwortet und unerklärt und führe dazu, dass man sich selbst und andere verletze mit unguten Schuldzuweisungen usw.. Die Frage danach, wozu ein solches Schicksal dienen wird und muss, kann sehr viel eher beantwortet werden. So ist es beispielsweise fast immer nur in dem Maße möglich, den tiefen Kummer eines Menschen mit ihm tröstend aushalten zu können, in dem man diesen selbst schon durchlebt hat. Es ist also erst die eigene Erfahrung, die eine Kompetenz hervorbringt, mag sie noch so leidvoll sein. Das oben erwähnt Ehepaar ist aufgrund des eigenen durchlebten Martyriums vermutlich extrem einfühlsam und kompetent im Begleiten von betroffenen Familien.

Im Erfolg wächst das Selbstbewusstsein – in der Krise der Charakter

Während wir im Erfolgserleben im Selbstwert und im Wissen um uns selbst gestärkt werden, reift in der Krise unser Charakter. Und genau dazu ist die Krise gut, das ist der tiefere Sinn der Krise. Während man die Krise durchlebt, kann man in der Regel darin nichts Gutes für sich erkennen, denn man ist ja überwiegend mit der Bewältigung der starken Gefühle wie Angst, Trauer, Wut, Frustration, Scham etc. beschäftigt. Ist die Krise überstanden, ist in uns oft eine neue Kompetenz, eine neue Reife entstanden. Wir können dann mit Menschen, denen wir begegnen, durch unsere Zunahme an Reife besser, da gnädiger oder einfühlsamer umgehen. Und hier – in unserer charakterlichen Reifung – bekommt dann die durchlebte Krise und all das Ausgehaltene und Erlebte ihren Sinn und Wert: Ein gereifter Charakter kann seine Mitmenschen besser verstehen, begleiten, als Führungskraft anleiten, sie bevollmächtigen,… ihnen dienen und damit ihr Leben reicher machen!

Steckt man in der Situation, nimmt man den Mist wahr. In Wirklichkeit ist der Mist aber trotz Mist auch Dünger, der – bringt man ihn auf die Felder aus – zu verbesserten Wachstumsbedingungen in der Folgesaison führt. Trotzdem ist der Geruch unangenehm und es fühlt sich einfach nicht gut an, wenn man durch das tiefe Tal der Tränen muss. Fakt ist und bleibt die verbessernde Wirkung des ausgebrachten Mists, auch wenn die Gefühlswelt das in diesem Moment nicht wahrnehmen kann und vielleicht ja auch gar nicht will, denn die Emotionen sind mit sich selbst beschäftigt, sie brauchen ihre Zeit mit sich.

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Wenn Sie dieser Artikel angesprochen hat und Sie sich beim Bewältigen Ihrer Krisen durch Coaching begleiten lassen möchten sprechen Sie mich an, ich bin gerne für Sie da!

Ralf Juhre



Autor: Ralf Juhre
Ralf Juhre ist leidenschaftlicher Verhaltenstrainer, Berater, Coach und anerkannter Experte für Führungskräfte- und Organisationsentwicklung. Potenzialentfaltung, Querdenken und Horizonterweiterung sind bei ihm Programm. Seit fast 30 Jahren ist er im In- und Ausland unterwegs, um destruktive Verhaltensweisen und mentale Blockaden in Organisationen aufzudecken sowie Veränderungsprozesse erfolgreich zu initiieren und zu begleiten. Mit Gründung der ingenior training & consulting GmbH entstand ein Systemhaus, das auf Führungskräfte- und Organisationsentwicklung sowie Sozialkompetenztraining für Ingenieure und Techniker spezialisiert ist. Ralf Juhre ist zudem Autor zahlreicher Fachbücher für Führungskräfte und Manager.

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